Das Pariser Glasmalerei-Atelier Gsell-Laurent wurde am 31. März 1847 von Émile Laurent (1802–1863) und Caspar Gsell (1814–1904) als «Laurent, Gsell et Cie» gegründet (Gazette des tribunaux, 10. April 1847, S. 588) und hatte seinen Sitz über viele Jahre an der Rue Saint-Sébastien (zunächst Nr. 19, später Nr. 21 und schliesslich Nr. 43). Beide Partner verfügten bereits über Erfahrung in der Glasmalerei, die in jener Zeit im Zuge des Historismus eine bedeutende Wiederbelebung und neue Wertschätzung erfuhr. Laurent, ursprünglich als Drucker und Verleger tätig, hatte 1842 die Glasmalereiwerkstatt von Alexandre Billard in der Rue Neuve-Ménilmontant 15 übernommen (vgl. Cabezas, 1996). Gsell wiederum war seit den frühen 1840er-Jahren als Entwerfer von Glasmalereien aktiv und arbeitete unter anderem für das Atelier der von Georges Bontemps geleiteten Verrerie de Choisy-le-Roi, für das er Fenster für mehrere Pariser Kirchen sowie für die Kirche Notre-Dame in Bonsecours bei Rouen entwarf. Zuvor hatte er 1846 gemeinsam mit Pierre-Charles Marquis die Firma «Gsell et Marquis» gegründet (Gazette des tribunaux, 23./24.3.1846, S. 508 (512)), die das Glasmalerei-Atelier von Karl Hauder und André in der Rue des Amandiers-Popincourt 40 übernahm, jedoch bereits nach kurzer Zeit wieder aufgelöst wurde.
Nach dem Weggang Bontemps’ aus Choisy-le-Roi konnte das Atelier «Laurent, Gsell et Cie» 1848 den Glasmalerei-Auftrag für die Kirche von Bonsecours übernehmen. In den 1850er-Jahren stabilisierte sich die wirtschaftliche Lage der Firma und sie entwickelte sich zu einem florierenden Betrieb mit zahlreichen bedeutenden Aufträgen in Paris, der Normandie und der Schweiz. Im Dezember 1859 heiratete Gsell Adèle Caroline Laurent (1834–1919), die Tochter seines Geschäftspartners. In diesem Zusammenhang wurde die Firma unter dem Namen «Laurent et Gsell» neu organisiert (Gazette des Tribunaux, 23.12.1859, S. 1252). Nach dem Tod Laurents im Juli 1863 führte Gsell den Betrieb unter dem Namen «Gsell-Laurent» allein weiter. Spätestens ab 1874 befand sich das Atelier an der Rue du Montparnasse 23. Gsell blieb bis zum Sommer 1890 aktiv im Unternehmen und verkaufte es im März 1892 an seinen Sohn Albert Gsell (1867–1951), der ebenfalls als Maler und Glasmaler tätig war und den Betrieb an einem neuen Standort weiterführte.
Das Glasmalerei-Atelier «Gsell-Laurent» gehörte während seiner über vier Jahrzehnte währenden Tätigkeit zu den renommierten Werkstätten Frankreichs. Es nahm an sämtlichen seit 1851 in London und Paris veranstalteten Weltausstellungen sowie an weiteren internationalen Ausstellungen, etwa in Bordeaux und Rom, teil und wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit rund 30 Mitarbeitenden zählte das Atelier zu den mittelgrossen Betrieben seiner Branche (Archives nationales, F/12/3367, Commissariat général, Exposition universelle de 1878 à Paris, section française, comités d’admission, classes 19). Es schuf Glasmalereien für mehrere hundert Kirchen und andere Gebäude in Frankreich; weitere Werke sind in Belgien, der Schweiz sowie ausserhalb Europas – etwa in Kuba, Mexiko und Venezuela – erhalten.
Das Œuvre des Ateliers umfasst ein breites Spektrum an Ornament-, Medaillon- und Bildfenstern in den während des Historismus gebräuchlichen Stilformen, die teils zu umfangreichen und ikonografisch komplexen Zyklen kombiniert wurden. Die künstlerische Leitung lag von Beginn an bei Caspar Gsell, der den Grossteil der Entwürfe selbst ausführte. Mehrere hundert seiner Entwurfszeichnungen werden heute im Musée Carnavalet in Paris aufbewahrt, weitere befinden sich im Kunstmuseum St. Gallen. Trotz wachsender Konkurrenz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb die Auftragslage des gut vernetzten Ateliers, das mit zahlreichen Künstlern zusammenarbeitete und Fachkräfte ausbildete, bis zum Ende von Gsells Tätigkeit weitgehend stabil.
Cabezas, H. (1996). L’atelier de vitraux parisien Billard-Laurent-Gsell, 1838–1892. Cahiers de la Rotonde, (17), 163–173.
Gsell-Laurent. (1881). Peinture sur verre, vitraux d’église et d’édifices civils, Gsell-Laurent [Inserat mit Werkverzeichnis]. Revue de l’art chrétien, 14/31(1).
Laurent et Cie. (1843). Fabrique de peinture sur verre à la manière des anciens, Laurent et Cie, successeurs de Billard, cahier de dessins divers. Laurent et Cie.